KDA Osnabrück/Ostfriesland-Ems

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Nachhaltigkeit steht an erster Stelle – Besuch bei Lebensbaum

Gastbeitrag von Bastian Funk, Öffentlichkeitsbeauftragter im Sprengel Osnabrück

Diepholz. Am 01.10.2015 wurde im Rahmen der diesjährigen Visitation von Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz die Ulrich Walter GmbH, bekannt unter dem Namen Lebensbaum besichtigt. Der Pressesprecher des Unternehmens, Jan Kühn und Einkaufsleiter Dr. Achim Mayr hatten einen erkenntnisreichen Rundgang durch das Unternehmen vorbereitet und gaben detailreiche Einblicke in ein einzigartiges Firmenkonzept mitten in Diepholz.

An einem sonnigen Herbsttag trafen sich Superintendent Klaus Priesmeier, Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier, Dr. Matthias Jung (KDA), Wirtschaftsförderer Bernd Ölmann und Thomas Butenuth-Grünenbaum  um sich ein genaues Bild von dem Erfolgskonzept der Firma zu verschaffen, das seit 35 Jahren erfolgreich Kaffee, Tee und Gewürze in bester Bioqualität herstellt. Für den KDA gehören regelmäßige Betriebsbesuche zum Standardprogramm, um mit Mitarbeitenden und dem Führungspersonal ins Gespräch zu kommen. Durch diese Termine wird versucht, Menschen aus dem kirchlichen Raum eine gezielte Wahrnehmung von der Erwerbsarbeit zu vermitteln.

Gleich zu Beginn erhielten die Besucher/-innen einen herzlichen Empfang und wurden durch die gesamte Produktionskette, von der Lagerung der kostbaren Naturalien bis hin zu ihrer finalen Verpackung geführt. Alle Rohwaren stammen zu 100 Prozent aus ökolo­gischer Landwirtschaft. „Das Unternehmen kauft seine Teeblätter und Gewürze im Ursprungsland ein und pflegt direkte Beziehungen zu den Lieferanten vor Ort. Dabei spielt natürlich die Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle und sie ist Teil unseres gesamten ökonomischen Betriebssystems“, erklärte Einkaufsleiter Dr. Armin Mayr. Die Visitationsgäste zeigten sich sichtlich beeindruckt von der Qualität und der Unternehmensphilosophie. Nach der circa einstündigen Betriebsbesichtigung gab es im Sitzungsaal dann die Gelegenheit Tee und Kaffee zu probieren. Im Anschluss startete eine Firmen-Präsentation. Es wurden Zahlen und Fakten zum Unternehmen vorgestellt, die Entstehungsgeschichte sowie einzelne Hilfs-Projekte neben der operativen Arbeit dargestellt. Darüber hinaus konnten Fragen gestellt werden.

 Auf die Frage, wie die Diepholzer Firma personalorganisatorisch auf Krisen reagiert, wenn auf einem liberalisierten Markt Flexibilität verlangt wird, antwortete Dr. Mayr: „In der Vergangenheit gab es bei uns in schwereren ökonomischen Zeiten nie Personalentlassungen. Ein Unternehmen taugt nur, wenn es dem Menschen dient. Natur und Mensch sind für Lebensbaum maßgebend.“ Aus kirchlicher Perspektive sind die moralischen und ethischen Grundsätze der Firma Lebensbaum interessant. Ein Projekt unter der Flagge der Firma ist die kostenlose Versorgung zahnärztlicher Behandlungen. Einkaufleiter Dr. Mayr berichtete stolz über die mobile Zahnarztpraxis. Es ist ein vollausgestattetes Behandlungszimmer auf Rädern samt Zahnarzt und Arzthelfer-Team. Der Bus fährt in erster Linie in die Slums von Chennai in Indien und richtet sich speziell an Schulkinder. Die Firma setzt sich mit ihrer Lebensbaum-Stiftung auch für Bildung ein. Sie unterstützt zum einen ein Projekt gegen Kinderarbeit in der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. Durch dieses Projekt konnten bereits über 3.000 Kinder von der Kinderarbeit befreit werden und man ermöglichte ihnen die Schulbildung.

Nach einem langen und spannenden Nachmittag wurden am Ende noch Geschenke an die Besucher verteilt: Ein Korb voller unterschiedlicher Teesorten und Kaffee.    

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Bild: Matthias Jung (4) / Bastian Funk (2)

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Ist das Arbeit?! - Audiomitschnitt zu meinem Vortrag auf der Männervesper Osnabrück







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Pageflow zu meiner Studienreise nach Thessaloniki

Gunnar Schulz-Achelis hat mich letztens auf Pageflow hingewiesen. Eine wunderschöne und dazu recht einfach zu bedienende Plattform für Storytelling.
Ich habe es ausprobiert:
http://stories-e.de/thessaloniki-2015
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Bild: Matthias Jung

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Wortmeldung August: In Würde arbeiten und leben (können)

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Bild: HkD / Jung

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Arbeiten 4.0 – solidarisch und selbstbestimmt. Veranstaltung zur neuen Denkschrift der EKD in Osnabrück

Anfang Juli lud der KDA der hannoverschen Landeskirche zu zwei Veranstaltungen zu der im April von der Sozialkammer der EKD erarbeiteten Denkschrift: „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“. Die erste fand in Hannover statt (hier ein Bericht), die zweite hatte ich in Osnabrück in der Marienkirche organisiert. Als Gäste konnte ich Traugott Jähnichen, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Ruhr-Universität Bochum und Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin i.R. gewinnen. Beide sind langjährig mit der Sozialkammer verbunden: Jähnichen als Mitglied und stellvertretender Vorsitzender, Coenen-Marx als Geschäftsführerin.

Traugott Jähnichen führte zunächst in die Grundgedanken ein. Er verwies darauf, dass diese Denkschrift die dritte in einer Reihe ist, die mit „Gerechte Teilhabe - Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität“ 2006 begann und mit der Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive “ 2008 fortgeführt wurde. Nun also geht es im Kern um Solidarität und Selbstbestimmung in der Arbeit. Zwei Pole, die in einer Balance stehen sollen. Hergeleitet wird dies aus dem lutherischen Verständnis, welches den Beruf und die Arbeit in einen weiten Horizont stellt: „Es war Martin Luthers tiefste Überzeugung, dass alle Menschen von Gott berufen sind, in der Gesellschaft für sich selbst und vor allem im Dienst für den Nächsten tätig zu sein. Darin haben alle Menschen einen Beruf. Sie sollen nicht nur irgendwie arbeiten, sondern ihr Arbeiten erfüllt sich von daher mit Sinn. Nicht das rastlose Tätigsein als solches ist das Ideal des Christlichen, sondern die sinnvolle Einbeziehung aller Menschen in eine Wirtschaft, die mit allen geschieht und in der die Arbeit als ein großes Gemeinschaftswerk erbracht wird. Auch in diesem Denken spielen Märkte und der Wettbewerb eine große Rolle – aber sie sind nie ein Selbstzweck, sondern dienen immer dem Ziel, alle am dadurch geschaffenen Wohlstand teilhaben zu lassen. Die Wertschätzung der Arbeit liegt in ihrem Beitrag zum Gemeinwohl begründet. Gleichzeitig ist eine Wirtschaft, die dem Gemeinwohl dient, ohne Wertschätzung der Arbeit gar nicht möglich.“ (S. 10)

All das entfaltet die Denkschrift auf dem Hintergrund vielfältiger Umbrüche der Arbeitsgesellschaft: Digitalisierung und Globalisierung sind hier die Stichworte. In besonderer Weise widmet sich die Denkschrift der Rolle der Gewerkschaften und kommt in der Spitze zu der Aussage:

„Die Mitarbeit in den Gewerkschaften (ist) für christliche Arbeitnehmer wesentlicher Ausdruck ihres Berufsethos.“ (S. 136)

Zugleich aber macht die Denkschrift deutlich, dass Arbeit mehr ist als Erwerbsarbeit:

"Im lutherischen Verständnis des Berufs ist Arbeit aber nicht nur Erwerbsarbeit. Vielmehr baut im Grunde genommen die gesamte Erwerbsarbeitswelt auf Sorgearbeit, wie Familienarbeit, Erziehung, Pflege, aber auch auf den Aktivitäten der Zivilgesellschaft auf.“ (S. 98)

Cornelia Coenen-Marx beschrieb den aktuellen Rahmen, in dem diese Denkschrift erscheint. Die verschiedenen Streiks, die Situation in Europa. So wurde deutlich, dass eine Denkschrift, an der die Kammer vier Jahre gearbeitet hat, nur selten tagesaktuell sein kann. An einer Stelle gelingt der Denkschrift einmal, wenn sie schreibt:

„Die Entwicklung von Spartengewerkschaften … ist für Gewerkschaften wie für Arbeitgeberverbände besorgniserregend, da kleine Spartengewerkschaften oftmals ein erhebliches Erpressungspotential zu Lasten der Gesamtbelegschaften einsetzen können … Ohne Tarifeinheit drohen Eigeninteressen von Berufsgruppen die betriebliche Solidarität auszuhöhlen.“ (S. 88f.)

Letztlich aber, und das konnte die ehemalige Geschäftsführerin der Kammer (seit kurzem befindet sie sich im Ruhestand) anschaulich machen, geht es in der Kammer immer um den Versuch, einen Konsens zu formulieren. Hält man sich vor Augen, dass in der Kammer neben Kirchenleuten und Professor/-innen auch Vertreter/-innen von Verbänden, Gewerkschaften und Parteien sitzen, kann dies nicht verwundern.

Es folgte eine angeregte Fragerunde unter Einbeziehung des Publikums. Natürlich wurde auch kritisch angemerkt, dass sich die Kammer um konkrete Aussagen „drückt“. Aber die Referent/-innen erzählten auch selbstkritisch aus den Debatten in der Kammer, in der an vielen Stellen auch sehr kontrovers zuging. Und an vielen Stellen führte dies nicht zu einem Konsens, sondern die Ansichten blieben nebeneinander stehen, so ist es kein Wunder, dass das Wort „umstritten“ so häufig gewählt wurde.

Zugestanden wurde, dass es sich bei dem Text (nach dem Wirbel um die Unternehmer-Denkschrift von 2008) in gewisser Weise um Wiedergutmachung im Blick auf die Gewerkschaften handelt (so die Vermutung von Matthias Jena aus dem DGB Bayern, nachzulesen hier: Kommentar Jena). Es bleibt die Frage, ob und wie die Gewerkschaften die Einladung – so versteht die Kammer den Text – wahr- und annehmen. Bietet der Text dafür genug Impulse? Wie groß ist das Vertrauensverhältnis? Welche Belastung ist und bleibt der in weiten Teilen Deutschlands nach wie vor favorisierte „Dritte Weg“? Fragen, die an diesem Abend offen blieben.

Cornelia Coenen-Marx brachte am Ende die Idee einer europäische Zivilgesellschaft ins Gespräch, in der sich Menschen auf unterschiedlichen Ebenen begegnen und austauschen. Die Erfahrungen, die wir gerade in Europa mit dem Streit um Griechenland, aber auch in der Frage des Umgangs mit dem nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom machen, legen diesen Gedanken nahe. Die Verwirklichung ist allerdings ein ähnlicher steiniger Weg wie der Versuch der politischen Einigung. Lohnenswert ist er sicher.

Was könnte, sollte mit der Denkschrift nun geschehen? Traugott Jähnichen äußerte als Antwort seine Hoffnung, dass der Text zunächst und vor allem innerhalb der evangelischen Kirche gelesen, diskutiert und im Blick auf die eigenen Arbeitsverhältnisse ernst genommen wird. Wenn das geschieht, könne von dort aus eine Strahlkraft in die Gesellschaft entstehen.

Bild: Matthias Jung

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Pressemitteilung zur Veranstaltung „Arbeiten 4.0 – solidarisch und selbstbestimmt“ am 9. Juli um 19 Uhr in der Marienkirche in Osnabrück

Die Welt im Wandel. Erwerbsarbeit sozialethisch analysiert

Durch die zunehmende Globalisierung erhöht sich der ökonomische Druck für Unternehmen auf dem globalen Markt. Dieser Druck wird in einigen Berufssparten stärker in den arbeitsorganisatorischen Verantwortungsbereich der Beschäftigten verlagert. Das kann zu einer Intensivierung und zeitlichen Ausdehnung der gesamten Arbeit für die Beschäftigten führen. Zudem hat die Arbeit der Gewerkschaften, die sich im Spannungsfeld mit den Veränderungen bewegen, einen maßgeblichen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen und die jeweilige Situation. Der Wandel der Erwerbsarbeit macht eine Neuorganisation des Alltags für die Menschen unumgänglich. Im Bereich der Pflege müssen zum Beispiel Menschen ihr eigenes Leben und das einer pflegebedürftigen Person meistern, was sich aufgrund von Zeitengpässen psychisch belastend auswirken kann. Dieser Umstand kann wiederum negative Auswirkungen auf die eigene Arbeitsmotivation haben. Zusätzlich hat eine Überforderung am Arbeitsplatz und negativer Stress Auswirkungen auf die eigene Gesundheit. Das Gleichgewicht der Familie wird dadurch auf eine harte Probe gestellt. Im lutherischen Verständnis des Berufs ist die Arbeit nicht nur Erwerbsarbeit. Die gesamte Erwerbsarbeitswelt baut auf Sorgearbeit, wie Familienarbeit, Erziehung oder Pflege auf.   

Dieser beschriebene Sachverhalt hat die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) dazu bewegt, sich in Ihrer neuen Denkschrift mit den Veränderungsprozessen in der Erwerbs- und Arbeitswelt zu beschäftigen und sie sozialethisch zu analysieren. Sieben Jahre nach der Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ steht dieses Mal der berufstätige Mensch ebenso im Zentrum wie die Bedeutung der Sozialpartnerschaft. 

Unter der Überschrift „Arbeiten 4.0 – solidarisch und selbstbestimmt“ lädt der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, am 9. Juli um 19:00 Uhr, zu einem Podiumsgespräch in die Marienkirche ein. Unter der Moderation von Dr. Matthias Jung (Referent im KDA) diskutieren Prof. Traugott Jähnichen und Oberkirchenrätin i.R. Cornelia Coenen-Marx über die im April vorgestellte neue Denkschrift: „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“. Traugott Jähnichen lehrt evangelische Sozialethik an der Ruhruniversität in Bochum und ist stellvertretender Vorsitzender der Sozialkammer. Cornelia Coenen-Marx begleitete den Prozess der Entstehung der Denkschrift als Geschäftsführerin. 

Die Denkschrift steht unter www.ekd.de zum Download bereit oder ist im Buchhandel erhältlich. Weitere Informationen zum Podiumsgespräch erhalten Sie von Dr. Matthias Jung. (jung@kirchliche-dienste.de oder 0541-5054130). Medienvertreter sind herzlich eingeladen.

(Text: Bastian Funk, Öffentlichkeitsreferent des Sprengels Osnabrück)




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Bild: Layout: HkD

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Betriebsbesuch mit der Kirchenkreiskonferenz Emsland-Bentheim bei der Emsland Group in Emlichheim

Es ist kühl an diesem Mittwochmorgen in Emlichheim.

Die Kirchenkreiskonferenz Emsland-Bentheim besucht die Emsland Group.

Die größte Kartoffelstärkefabrik in Deutschland.

So lese ich es vorher auf der Website. (http://www.emsland-group.de/)

Zwei Stunden werden wir über das Gelände geführt.

Gerüche, immer wieder anders.

Unmengen von Kartoffeln werden hier Tag für Tag angeliefert und verarbeitet.

Seit wenigen Jahren auch zu Kartoffelflocken in einer weitgehend automatisierten Anlage.

Wir hören von den Herausforderungen, die der demographische Wandel mit sich bringt.

Schichtdienst ist bei jungen Leuten nicht beliebt.

Wir hören von Forschungsvorhaben in Kooperation mit Firmen.

Ein Trend: möglichst wenig Chemie in der Verarbeitung.

Wir hören von Problemen, die auch in der lokalen Presse Thema waren.

Unstimmigkeiten, Wechsel in der Geschäftsleitung.

Wir hören von Problemen, die unterschiedlicher Umgang mit EU-Förderung diesseits und jenseits der nahen Grenze zu den Niederlanden mit sich bringt.

Wir hören vom Geschäftsmodell einer geschlossenen Aktiengesellschaft: das Unternehmen „gehört“ den Kartoffelbauern, die ihrerseits Lieferverträge mit dem Unternehmen haben und später eine Dividende bekommen.

Wir steigen auf das höchste Silo.

47 Meter hoch, 205 Stufen.

Im Treppenhaus rieselt Kartoffelstärke, Hände und Hose sind weiß, bis wir oben sind.

Belohnt werden wir mit einem tollen Ausblick übers Unternehmen und das Umland.

Ein Betriebsbesuch, wie viele andere.

Und doch immer wieder spannend, weil jeder Betrieb anders ist.

Es hat Spaß gemacht.

Mir, den Mitgliedern der Kirchenkreiskonferenz – und auch den Mitarbeitenden, die sich über das Interesse von Kirche gefreut haben.



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Bild: Matthias Jung

Michael Schaper
vor etwa 3 Jahren
Lieber Matthias,
vielen Dank für diesen Einblick! Ich wünsche Dir weiterhin viel [nicht nur Kartoffel-]Stärke für Deine Arbeit! Schön dass es wieder solch eine aktive KDA-Arbeit in unserer Region gibt.
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Kirchenkreiskonferenz Emden-Leer bei Volkswagen       
Neuer Arbeitsweltpastor Dr. Matthias Jung stellt sich vor

Text: Michael Schaper

Zu ihrer monatlichen Sitzung hat sich die Kirchenkreiskonferenz des Ev.-luth. Kirchenkreises Emden-Leer diesmal im Emder Volkswagenwerk getroffen. Mit dabei: Dr. Matthias Jung vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), der sich bei dieser Gelegenheit als neuer Arbeitsweltpastor für die Region Ostfriesland-Ems und Osnabrück vorstellte.

Betriebsrat und IG Metall Fraktionssprecher Martin Refle und Betriebsrat Manfred Wulff begrüßten über 30 kirchliche Gäste. „Es ist gut, dass Sie Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen vor Ort suchen und ein Gespür dafür entwickeln, wo und wie Ihre Gemeindemitglieder arbeiten“, sagte Martin Refle. Außerdem gäbe es eine große Schnittmenge zwischen Kirche und Arbeitnehmer-Vertretern, wenn es um Fragen wie soziale Gerechtigkeit und zukunftsfähiges Wirtschaften gehe. Refle verwies dabei auch auf die langjährige, gute Zusammenarbeit zwischen dem KDA und den Gewerkschaften, die ihren Ausdruck zum Beispiel in den Gottesdiensten zum 1. Mai fände.

Automobilproduktion und Ökologie war das Schwerpunktthema einer Präsentation über die Umweltstrategie „ThinkBlue.Factory.“ der Marke Volkswagen. Der verantwortliche Projektleiter und Umweltschutzbeauftragte Thomas Laaken stellte die Eckpfeiler dieser Umwelt- und Klimaschutzstrategie der Marke Volkswagen vor.

Bei der anschließenden Werksbesichtigung, die auch durch die neue Produktionshalle 18 für den Roboter-gesteuerten Karosseriebau führte, konnten sich die Pastoren und Diakone ein Bild von den neuen Produktionsbedingungen machen, die unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ bekannt sind. Als wichtiger und nicht ganz unbeabsichtigter Nebeneffekt stellten sich die spontanen Begegnungen zwischen VW-Beschäftigten und kirchlichen Mitarbeitern heraus. „Ich habe den Eindruck, dass meine halbe Gemeinde hier arbeitet“, sagte Pastor Jäckel aus Pewsum.“ „Ich verstehe nun noch besser, wieso Volkswagen im Leben vieler Gemeindemitglieder eine so zentrale Rolle spielt. Das erlebe ich immer wieder, sei es bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfeiern“, sagte Pastorin Bonna van Hove aus Emden im anschließenden Gespräch.

Arbeitsweltpastor Matthias Jung blieb nach der Kirchenkreiskonferenz zu weiteren Gesprächen mit Management und Betriebsrat von Volkswagen im Werk. Er und Martin Refle berieten gemeinsam mit dem Kirchenbeauftragten des Volkswagenkonzerns, Jan Wurps, und dem 1. Bevollmächtigten der IG Metall Emden, Michael Hehemann, über die weitere Zusammenarbeit von Kirche, Volkswagen und Gewerkschaft. Michael Hehemann unterstrich die gemeinsamen Ziele von Kirche und Gewerkschaften, wenn es um den Erhalt von Menschenwürde und den Kampf für soziale Ziele geht. „Ich freue mich über die guten Kontakte zwischen Kirche und Arbeitswelt in Ostfriesland, an die ich hier anknüpfen kann“, fasste Jung seinen Besuch in Emden zusammen.

Foto 1 von li nach re.: Martin Refle (IGM Fraktionssprecher), Jan Wurps (Kirchenbeauftragter Volkswagen Konzern), Dr. Matthias Jung (KDA, Arbeitswelt-Pastor), Michael Schaper (Berufsschulpastor und Beauftragter für den KDA) Michael Hehemann (1. Bevollmächtigter IG Metall Emden).                   Foto 2: Aufmerksame Zuhörer. Im Vordergrund: Superintendent Burghard Klemenz und sein Stellvertreter Wolfgang Ritter   

Bild: Michael Schaper

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Plädoyer für Betriebsbesuche

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Gruppe von Pfarrer/-innen und anderen hauptamtlich bei der Kirche Beschäftigten in Emden bei VW. Der Besuch hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie sinnvoll solche Begegnungen zwischen Kirche und Wirtschaft sind – für beide Seiten.

Normalerweise haben wir als Pfarrer/-innen, um nur mal bei meiner Profession zu bleiben, mit industrieller Produktion wenig zu tun. Unsere Begegnungen mit Wirtschaft beschränken sich zumeist auf Handwerk, den öffentlichen Dienst und den Einzelhandel, um nur mal ein paar zu nennen. Die Menschen, denen wir in Gemeinden begegnen, arbeiten aber vielfach in der Automobilindustrie, bei Logistikfirmen, im Maschinenbau und bei Energieversorgern und vielen anderen mehr. Und so verschlug die menschenleere, aber robotervolle Fabrikhalle des Karosseriebaus auch diesmal den Atem. Auf riesigen Förderbändern wandert ein „Auto“ nach dem nächsten durch die Hallen, Roboterarme fügen wie von Geisterhand in Windeseile die Teile zusammen. Erst wenn man darauf achtet, sieht man hier oder da doch einen Menschen. „Hier könnte ich nicht arbeiten, das wäre mir zu einsam“, so lautet die spontane Aussage einer Teilnehmerin.

Kaum anders in der nächsten Halle. Hier werkeln zwar viel mehr Menschen und etwas weniger Maschinen, dafür sind die Tätigkeiten eher eintönig. Trotz Teamarbeit, die dafür sorgt, dass niemand acht Stunden das Gleiche machen muss. Manch eine, einer denkt laut darüber nach, was das bedeutet, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier sein Geld verdienen zu müssen – oder zu können. Der Kontrast zu unserer kirchlichen Arbeitswelt, sehr an Menschen orientiert und mit viel weniger Technik ist unübersehbar und führt zu einer gemischten Gefühlswelt. Sie reicht von Staunen über Anerkennung und Bauschmerzen bis zu Kopfschütteln. Beim Mittagessen meint schließlich eine Pfarrerin: „Jetzt habe ich endlich mal eine Vorstellung, wenn ich bei einem Trauerbesuch wieder höre, wie sehr er oder sie die Arbeit bei VW geschätzt oder gar geliebt hat.“

Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Ähnlich geht es mir immer wieder. Ich denke nur an meine erste Grubenfahrt vor Jahren tausend Meter hinunter, mit mulmigem Gefühl. Unten eine fremde Welt zwischen ganz viel Technik und engen Flözen. Oder ich stehe bei Amazon in in den endlosen Regalreihen und sehe in den Fächer Kondome neben Schokolade liegen und eins weiter das neueste Smartphone. Was bedeutet es für Menschen, hier zu arbeiten? Bei Begegnungen in den Gemeinden, bei Taufbesuchen, Traugesprächen oder der Vorbereitung von Traueransprachen haben mir diese Eindrücke geholfen, ins Gespräch zu finden oder die (hoffentlich) rechten Worte zu finden.

Umgekehrt freuen sich viele Unternehmen, wenn Kirche sich für sie interessiert. Denn sie wissen, dass viele ihrer Mitarbeitenden Gemeindeglieder sind. Religion spielt in vielen Betrieben eine Rolle, weil eben Christ/-innen neben Muslim/-innen und anderen arbeiten und die Kulturen manchmal auch aufeinanderstoßen. Außerdem ist es nur recht und billig, wenn wir als Kirche nicht nur wegen Spenden bei Unternehmen anklopfen, sondern uns auch für ihre Arbeit interessieren. Kirche und Wirtschaft gehören in unserer Gesellschaft zur Infrastruktur und es ist gut, voneinander zu wissen. Manchmal ergeben sich weitergehende Kontakte oder Projekte aus solchen Besuchen.

Häufig kommt es „auf dem Weg“ durch die Fabrikhallen zu Gesprächen, die für beide Seiten aufschlussreich und bereichernd sind. Die „dummen“ Fragen, oft aus dem Staunen heraus gestellt, eröffnen häufig Dialoge, die auch ins persönliche umschlagen können. Dann, wenn in einer offenen Atmosphäre plötzlich auch von Sorgen, Ängsten und Belastungen die Rede ist, die in den Hochglanzbroschüren oder einführenden Powerpointpräsentationen über das Unternehmen nicht vorkommen. Umgekehrt gibt es auch überraschende Antworten auf die Frage, was ein Betrieb, seine Führung oder die Mitarbeitenden von Kirche erwarten.

Betriebsbesuche sind spannend, für beide Seiten.

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Die Arbeit der Zukunft gestalten wir! Oder: Alles hat seine Zeit.

Ansprache beim Gottesdienst zum 1. Mai in Emden 2015 vor dem DGB-Umzug


Alles hat seine Zeit.
Mehr als zweitausend Jahre alt sind diese Worte.
Sie faszinieren Menschen seit eh und je.
Und provozieren.
Alles hat seine Zeit, wirklich alles?
Für alles gibt es ein Anfang und ein Ende.
Und ein gutes Maß – für wirklich alles?

Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Das Hauptmotto des DGB für den 1. Mai 2015 provoziert auch.
Denn die Erfahrung scheint doch oft eine andere zu sein.
Wenn ich überhaupt eine Erwerbsarbeit habe, dann oft mit wenig oder keinem Gestaltungsspielraum.
Die Vorgaben sind klar.
So viele Fenster sind in einer Stunde zu putzen.
So viele Betten zu machen.
So viele Fälle zu bearbeiten.
So viele Patienten zu behandeln.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir – woher kommt die Hoffnung?
Oder ist es eine Aussage gegen alle Vernunft?
So wie ein trotziges Kleinkind auf den Boden stampft und sagt: Ich will aber!

Alles hat seine Zeit.
Oder:
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Ich höre beide Sätze als Weckrufe.
Als zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Sie sind beide noch nicht Wirklichkeit -
zeigen die Richtung an, in die es geht.
Sie laden zum Träumen ein.
Und Träume sind keineswegs Schäume.
Sondern geben Hinweise auf Wichtiges und Wesentliches.
Auf das, was vielleicht bislang zu kurz kommt.

Alles hat seine Zeit.
Arbeit und Freizeit.
Ackern und Ausspannen.
Werktag und Feiertag.
Tun und Lassen.
Es geht um Ausgewogenheit, um eine Balance.
Und darum, dass alle diese Dinge einen Wert an sich haben.

Nicht die Arbeit allein soll mein, unser Leben bestimmen und den Rest an den Rand drängen.
Die Freizeit und das Wochenende sollen nicht allein dem Erholen für neue Arbeit dienen.
Wir holen tief Luft.
Denn wir erleben, beobachten, ahnen – so ist es eben nicht in dieser Welt.
Arbeit ist ein Omniwert, dem schnell und oft alles untergeordnet wird,
Hauptsache, Arbeit!
Nein, sagt die Bibel.
Alles hat seine Zeit.
Alles hat seinen Wert.
Und Ausgewogenheit ist wichtig.

Deswegen lautet die andere Seite der Medaille:
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Wir wollen sie gestalten.
Weil sie wichtig ist.
Für uns und andere.
Weil wir gerne tätig sind.
Oder sein möchten.
Aber häufig daran gehindert werden.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir ist Forderung und Angebot zugleich.
Wir wollen arbeiten, uns einbringen.
Mit dem, was wir können und draufhaben.
Aber ihr müsst uns auch Gelegenheit dazugeben.
Der öde, nervtötende Job des Immer-wieder-gleich ist es nicht.
Klar:
Es gibt keine Arbeit, die immer nur Spaß macht.
Aber ein Job, in dem ich nie vorkomme, ist im Sinne der Bibel und des Gewerkschaftsmotto keine Arbeit.
Und genauso wenig gilt:
Arbeit ohne Ende ist gut.
Und ewig ohne Arbeit ist genauso wenig gut.

Alles hat seine Zeit.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir.
Zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Amen.

Bild: Matthias Jung

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